Steffen Seibert: »Ich möchte von einem Tag erzählen, an dem ich die Rolle des Botschafters bewusst verlassen habe«

Als deutscher Botschafter in Israel erlebte Steffen Seibert den 7. Oktober und den Krieg in Gaza. Jetzt ist er zurück in Berlin. Aber was er im Nahen Osten erlebt hat, lässt ihn nicht los.

Interview: Tina Hildebrandt, Fotografie: Sebi Berens
Aus dem ZEITmagazin Nr. 35/2026 12. August 2026

[Auszug]

„Seibert: Es ging manchmal um die politisch wunden Punkte. Zum Beispiel gibt es hier die Organisation Parents Circle Families Forum. Das sind Juden und Palästinenser, die in dem Konflikt Angehörige verloren haben. Das können Eltern oder Geschwister von Kindern sein, die bei einem Intifada-Selbstmordattentat in die Luft gesprengt wurden. Oder auf der palästinensischen Seite Angehörige von 14-Jährigen, die am Rande einer Demo erschossen wurden. Das Besondere an ihnen ist, dass sie sagen: Dein Schmerz ist nicht anders als meiner. Und am sogenannten Jom haZikaron, dem Tag der Erinnerung, der hier der nationale Gedenktag für die Gefallenen ist, organisieren sie eine alternative Gedenkveranstaltung, gemeinsam als Juden und Palästinenser. Da kommen an die 15.000 Menschen, und viel mehr noch sehen das im Netz, das ist also keine Randerscheinung, aber es ist auch nicht Mainstream.

ZEITmagazin: Da sind Sie hingegangen?

Seibert: Ich habe einen sehr engen Freund, der sagte: Komm mit unserer Familie – sie sind im Übrigen Nachfahren von Auschwitz-Überlebenden und Auschwitz-Opfern. Und ich sagte, klar, dann geh ich mit. Einige in der Botschaft rieten mir: Da kannst du auf keinen Fall hingehen, das wird hier alle aufregen. Es wirkt wie eine Gleichsetzung. Ich bin aber hingegangen, als einer in der Menge. Ich habe nicht auf den für die Diplomaten frei gehaltenen Plätzen gesessen, wo die amerikanische Delegation saß. Wir saßen irgendwo ganz hinten. Trotzdem wurde es bemerkt. Es gab dann viel Zuspruch von denen, die man so das Friedenslager nennt, und deutliche interne Kritik aus der israelischen Regierung.“